Herausgeber: Huber Verlag GmbH Co. KG, Mannheim
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Piercer Europas vereinigt euch! Der neu gegründete Europäische Berufsverband für Piercer setzt auf Lobbyarbeit zur frühzeitigen Einflussnahme auf politische und behördliche Entscheidungsträger. Das TM sprach mit dem EAPP-Vorstand.
Interview: Heide Heim
Kurz vor Redaktionsschluss der Juli-Ausgabe erreichte uns die Pressemitteilung des neu gegründeten Berufsverbandes für Piercer, der »European Association for Professional Piercing«, kurz EAPP. In der Kürze der Zeit konnten wir damals nicht mehr redaktionell darauf reagieren - was wir an dieser Stelle nachholen wollen. Zum Gespräch bereit waren die EAPP-Vorstandsvorsitzende Martina Lehnhoff (44, Piercerin), der Stellvertretende Vorstand Stephan Möllering (41, Rechtsanwalt) und die Schatzmeisterin Carolin Stutzmann (33, Betriebswirtin).
TM: Wie sehen die zeitlichen und inhaltlichen Pläne des neu gegründeten Berufsverbandes für Piercer aus. Wie weit seid ihr? Was muss noch getan werden? Wo liegen die Probleme?
EAPP: Der Berufsverband wurde am 24. Mai 2006 in Essen gegründet. Welche Aktivitäten jetzt vom EAPP ausgehen, hängt in erster Linie von der Entwicklung der Mitgliederzahl ab.
Wir haben alle deutschen Studios Anfang Juli angeschrieben und über unsere Pläne und Ziele informiert und hoffen auf großes Interesse von Seiten der Piercer, sich in Zusammenarbeit mit uns in Europa eine Stimme zu sichern.
Der EAPP ist im Gespräch mit verschiedenen europäischen Ländern, in denen wir vertreten durch einen nationalen Repräsentanten Mitglieder gewinnen und Kontakte zu den entsprechenden Gesetzgebern aufgenommen haben.
Da sich diese ersten Gespräche bislang durchaus positiv entwickeln sind wir optimistisch, in Kürze erste Ergebnisse vorlegen zu können. Wir werden in der nächsten Zeit intensive Gespräche mit dem Gesetzgeber führen, um momentan geplante europäische Gesetzesentwürfe maßgeblich mit zu beeinflussen.

Wir haben bereits eine umfangreiche Beschreibung des Berufsbildes professioneller Piercer und die Inhalte einer eventuellen Ausbildung erarbeitet. Gleichzeitig haben wir was den hygienischen und praktischen Teil des Berufsbildes professioneller Piercer angeht, ein umfangreiches und praktikables Regelwerk gestaltet.
»Gesetzliche Anforderungen an ein Studio sollen erfüllbar sein« lautet eine Forderung des EAPP, Foto: TM-Archiv
TM: Ihr sprecht von 7000 registrierten Piercingstudios. Wie viele davon glaubt ihr, in euren Berufsverband integrieren zu können?
EAPP: Wir hoffen natürlich, dass wir alle Piercer in den Berufsverband integrieren können. Denn nur wenn wir eine große Anzahl Mitglieder haben, sind wir ein ernstzunehmender Gesprächspartner. Wir richten uns aber nicht an die Studios selbst, sondern an die Piercer als Person. Alle Piercer in Europa sollten an ihrer Zukunft interessiert sein und sich für die gemeinsame Sache einsetzen. Zumal die Mitgliedschaft im EAPP - der Monatsbeitrag beträgt 9,00 Euro - für jeden bezahlbar ist.
TM: Die Arbeit eines Berufsverbandes beinhaltet die Lobbyarbeit auf gesellschaftlicher, politisch-administrativer Ebene und gegenüber Körperschaften. Wo liegen da bisher die Probleme beziehungsweise wo die Lösung?
EAPP: Ein wichtiger Punkt zu Verbesserung der aktuellen Arbeit eines Piercers ist es zu verhindern, dass Regelungen in Kraft treten, welche uns das Arbeiten unmöglich machen. Im Augenblick ist in diesem Bereich gerade auf EU-Ebene einiges in Vorbereitung. Wir werden hier massiv eingreifen und versuchen, die gesetzlichen Regelungen maßgeblich zu beeinflussen.
Ein weiteres wichtiges Anliegen des EAPP ist die Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung unseres Berufes. Hier haben wir insbesondere in unseren Gesprächen mit Behörden und Ministerien immer wieder mit massiven Vorurteilen zu kämpfen, welche sich erst nachdem wir unsere Konzepte und Ziele dargelegt haben, abbauen ließen.
Dies ist leider auch in der öffentlichen Meinung noch häufig der Fall. Viele Piercer machen aber heute schon einen Job, der betreffend Hygiene und Aufklärung die gängige ärztliche Praxis übertrifft. Dies ist ein Umstand, den auch die Öffentlichkeit endlich zur Kenntnis nehmen muss.
Ein konkretes Problem, das wir angehen, ist die Berufshaftpflicht-Versicherung. Momentan gibt es keine Versicherung, die beispielsweise das Risiko »Intimpiercing« absichert. Die auf dem Markt befindlichen Versicherungen sind außerdem sehr teuer. Wir verhandeln im Augenblick mit einer großen deutschen Versicherung einen Rahmenvertrag für unsere Mitglieder, der unter anderem die Absicherung des Bereiches »Intimpiercing« durch eine Berufshaftpflicht-Versicherung beinhalten wird.
Zudem bieten wir auf unsere Internetseite alle für Piercer relevanten Informationen zu aktuellen Gesetzen und Verordnungen. Sollten sich Änderungen ergeben, werden diese Seiten zeitnah aktualisiert. Jedes Mitglied kann auf http://www.eapp.eu die für sein Bundesland geltenden Hygieneverordnungen einsehen.
Für akute Probleme bieten wir am ersten Mittwoch des Monats auf http://www.eapp.eu ein Expertenchat an, indem Fachleute zu aktuellen Themen Rede und Antwort stehen.
Eine regelmäßig erscheinende Verbandszeitung wird ebenfalls über aktuelle Themen berichten und die momentane Arbeit des EAPP dokumentieren.
Natürlich bietet der EAPP seinen Mitgliedern Hilfe und Beratung bei akuten Problemen an, wie sie beispielsweise mit den örtlichen Ämtern entstehen können.

Um immer informiert zu sein, welche Themen unseren Mitgliedern am Herzen liegen, werden wir Mitgliederversammlungen und Treffen organisieren. Einmal im Jahr werden wir eine Piercing-Convention veranstalten. Bei diesen Treffen wird es jede Menge Spaß sowie günstige Einkaufsmöglichkeiten und Diskussionen geben.
Wohin geht die Reise für Europas Piercer? Ein einheitliche europäische Regelung ist zu erwarten, nationale Alleingänge wie sie beispielsweise in Österreich geplant sind, sprächen für eine Vorgabe mit Maß und Ziel aus Brüssel. Der EAPP will frühzeitig auf die inhaltliche Ausgestaltung Einfluss nehmen. Foto: TM-Archiv
TM: Welche Zugangsvoraussetzungen muss ein Piercer überhaupt erbringen, um in den Berufsverband aufgenommen zu werden?
EAPP: Wir wollen nicht bewerten oder prüfen, sondern möglichst viele interessierte Piercer vertreten, um zahlenmäßig eine Lobby zu schaffen, welche auch Gehör findet. Leider war dies in der Vergangenheit mit den momentan bestehenden Vereinen oder Verbänden anhand der niedrigen Mitgliederzahl nicht möglich.
Die momentane Vorraussetzung für eine Mitgliedschaft im EAPP ist ein gültiger Gewerbeschein oder ein Nachweis, dass man als Piercer in einem Piercingstudio beschäftigt ist.
Im Zuge der Anerkennung des Berufsbildes werden sich natürlich Regelungen ergeben, welche die fachliche Eignung sowie die Fähigkeiten betreffen. Sollte dies der Fall sein, werden wir natürlich Fortbildungen und Schulungen anbieten, damit jedes Mitglied diese Anforderungen erfüllen kann.
Wir möchten an dieser Stelle aber nochmals betonen, dass wir bestrebt sind, die gesetzlichen Anforderungen so erfüllbar wie möglich zu gestallten. Ziel unserer Arbeit kann es nicht sein, dass wir irgendwann in einem sterilen Raum ein Ohrloch stechen müssen.
»Ziel unserer Arbeit kann es nicht sein, dass wir irgendwann in einem sterilen Raum ein Ohrloch stechen müssen.« EAPP
TM: In eurer Pressemitteilung beschreibt ihr die möglichen Probleme, die beim Piercen auftreten können. Diese Beschreibung kann man auch als Steilvorlage für »Gegner« der Piercens lesen, die dem »Wildwuchs« in der Szene gerne den Garaus machen würden und gleich ein Verbot aussprechen im Sinne von: »Piercen darf nur noch, wer eine anerkannte medizinische Berufsausbildung« hat.
EAPP: Natürlich gibt es immer wieder bedauernswerte Einzelfälle in denen es zu Komplikationen kommt. Nur in seltenen Fällen ist die Schuld beim Piercer zu suchen. Wenn man aber die Menge der Personen betrachtet, welche sich täglich piercen lassen, ist die Anzahl solcher Vorfälle verschwindend gering. Gerade im Bereich Piercing sind in den letzen Jahren weniger Komplikationen als in allen anderen medizinischen Bereichen bekannt geworden. Leider werden einzelne Vorfälle immer aus Sensationslust durch sämtliche Medien effekthaschend ausgeschlachtet. Dies verstärkt den negativen Eindruck in der Öffentlichkeit.
Oftmals sind die angesprochenen Komplikationen gar nicht auf mangelnde Sorgfalt der Piercer zurück zu führen, sondern meistens handelt es sich um Pflegefehler aufgrund der langen Heilphasen einiger Piercings.
Das ist ein Zustand auf den wir Piercer wirklich stolz sein können. Der EAPP ist der Meinung, dass die Öffentlichkeit dies auch erfahren muss. Die Botschaft des EAPP ist es, dem Verbraucher zu signalisieren, wie sicher es heute ist, sich piercen zu lassen. Dem Verbraucher mit schweren Infektionen wie Hepatitis zu drohen, ist unserer Meinung nach der falsche Weg.
»Wenn wir unsere Professionalität noch mit entsprechenden Mitgliederzahlen untermauern, werden wir sehr schnell positive Ergebnisse vorlegen können.« EAPP
TM: Könnt ihr etwas zu dem bereits angesprochenen Berufsbild »Professioneller Piercer« und zu den Inhalten einer eventuellen Ausbildung sagen?
EAPP: Selbstverständlich ist ein anerkannter Beruf unser langfristiges Ziel. Unser Tätigkeitsfeld als Piercer ist für den Fall der Anerkennung durch den Gesetzgeber bereits klar definiert. Denn zu jedem Vorgang im Piercing-Studio gibt es im EAPP entsprechende Richtlinien. Wir werden selbstverständlich versuchen diese Regelungen so zu gestalten, dass die Umsetzung und Einhaltung für jedes Piercing-Studio möglich ist.
Der Vorstand hat bisher zwei detaillierte ausgearbeitete Arbeitspapiere erstellt, die in Kürze auf unserer Internetseite veröffentlicht werden. Zum einen handelt es sich um ein sechzigseitiges Regelwerk zum bestehenden Betrieb, indem von der Einrichtung des Piercingstudios bis hin zur Ausführung eines Piercings jeder einzelne Vorgang beschrieben ist. Hierbei haben wir uns an die momentan geltenden medizinischen und hygienischen Richtlinien gehalten.
Das andere Arbeitspapier beschäftigt sich mit dem Konzept zur Ausbildung des Piercers. Beide sind gute Diskussionsgrundlagen bei Gesprächen mit Behörden und Organisationen. Während der Verhandlungen mit den Versicherungsgesellschaften erwies sich die bereits geleistete Arbeit als sehr hilfreich. Die ersten Reaktionen haben uns gezeigt, dass wir durch diese professionellen Konzepte als Gesprächspartner sehr ernst genommen werden. Wenn wir diese Professionalität auch noch mit entsprechenden Mitgliederzahlen untermauern können, werden wir sehr schnell erste positive Ergebnissee vorlegen können.
Wie bereits gesagt möchten wir auf der einen Seite den Ansprüchen der Kunden auf Sicherheit bei einem Piercing genügen und gleichzeitig dem Piercer zu viele Vorschriften ersparen. Wie die Gesetzgeber auf unsere Vorschläge reagieren und wann wir unsere Ziele erreichen, werden wir im Verlauf der momentan stattfindenden Gespräche sehen.
Sollten wir in absehbarer Zeit ein anerkannter Beruf sein, werden wir alle unsere Mitglieder entsprechend betreuen und durch vereinbarte Übergangsregelungen schützen.
TM: Wo liegen die Vorteile für den Kunden, wenn er zum Piercen in das Studio eines Mitglieds des Berufsverbandes geht?
EAPP: Die Mitgliedschaft im EAPP signalisiert dem Kunden einen engagierten Piercer, der im vereinten Europa maßgeblich an der Gestaltung seiner beruflichen Zukunft teilnehmen will und jederzeit über neue Gesetze und Regelungen informiert ist. Um es nochmals zu betonen: Der EAPP ist kein Gütesiegel oder eine Werbegemeinschaft.
TM: Welche Vorgaben sind aus Brüssel (EU) zu befürchten?
EAPP: Was in nächster Zeit aus Brüssel zu erwarten ist, können wir heute noch nicht konkret sagen. Wenn wir uns aber an die letzte Hauruck-Aktion erinnern (das nur noch Mediziner und Heilpraktiker piercen dürfen), dann ist schon klar aus welcher Richtung der Wind wehen könnte.
Diese Entwicklung sehen wir bereits in einzelnen Ländern, mit denen wir erste Kontakte geknüpft haben, wie zum Beispiel in Österreich. So wird es dort in absehbarer Zeit eine Prüfung zum »Piercingmeister « geben, die dann Voraussetzung für das Gewerbe sein wird. Sehr aktiv sind auch die Gesetzgeber in Holland, wo es bald eigene Gesetze zum Betreiben eines Piercingstudios geben wird.
Unser Ziel muss sein, dass Piercer auch in Zukunft arbeiten dürfen. Gleichzeitig müssen Regelungen in Kraft treten, welche die Durchführung eines Piercings sowie die Ausbildung des Piercers klar definieren. Wir möchten unseren Job so einfach wie möglich, aber auch so sicher wie nötig gestalten, damit ein Piercing auch für den Piercer lukrativ bleibt und nicht der Materialaufwand die Gewinne auffrisst.
TM: Als Verband, der innerhalb der EU agieren wird, sind natürlich auch die Piercer der anderen EU-Länder angesprochen. Wie sieht dahingehend eure Arbeit aus?
EAPP: Der Verband wurde aus juristischen Gründen in Deutschland eingetragen. Die Satzung ist allerdings auf Europa ausgelegt So ist beispielsweise pro Staat ein Staatswart (nationaler Repräsentant) im Verwaltungsrat vorgesehen, der mit vollem Stimmrecht die Interessen seines Landes vertritt.
Bisher treffen wir ausschließlich auf positive Resonanz. Der APP (APP=Association of Professional Piercers, USA) hat uns volle Unterstützung zugesichert, womit wir auf einen breiten Erfahrungsschatz zurückgreifen können. In Holland arbeiten wir mit dem VPPN zusammen. Diese Zusammenarbeit ist insbesondere deswegen spannend, weil sich in Holland gesetzmäßig einiges tut, dass dann auch auf EU-Ebene adaptiert werden soll. In Österreich ist bereits ein Staatswart aktiv. Und viele, viele Gespräche laufen. Wenn dieser Artikel erscheint, kann man bestimmt auf unserer Homepage http://www.eapp.eu noch weitere Neuigkeiten finden. Wir sind bereit in jedem europäische Land tätig zu werden. Es gibt für alles einen Weg, der Wille zählt.
TM: Wir danken für die Informationen
Der nebenstehende Mitgliedsantrag kann auf der Homepage http://www.eapp.eu als pdf-Dokument heruntergeladen werden. Per eMail ist der Verband erreichbar unter info@eapp.eu. Latente Internetverweigerer können aber nach wie vor die Schneckenpost bemühen und sich den Antrag zuschicken lassen. Anfragen sind an:
EAPP - Europäischer Berufsverband Professionelles Piercing
Am Hausberg 10
45219 Essen
zu richten.
Aus verständlichen Gründen sind ein DIN A6-Umschlag oder DIN lang Umschlag und 0,55 Euro in Briefmarken beizulegen!
Der EAPP (European Association for Professional Piercers) tritt als Interessengemeinschaft der europäischen Piercer an. Es gilt durch hohe Mitgliederzahlen zu signalisieren, dass wir eine ernstzunehmende (wirtschaftliche) Branche sind. Daher gibt es auch KEINE Aufnahmekriterien, außer das man als Piercer tätig ist.
Wir wollen verhindern, dass Regelungen ohne fachkundlichen Beirat getroffen werden (wie auch immer diese Regelungen geartet sein werden).
Wir wollen als kompetenter Gesprächspartner aktiv eingebunden und für Behörden, Ämter oder den einzelnen Piercer immer präsent sein.
Professionelles Piercen bedarf einer Vielzahl von Kenntnissen. Diese müssen prüfbar vorhanden sein, um die öffentliche Wahrnehmung zu verbessern.
Kurzum: wir wollen die Existenz eines jeden Piercers sichern und auf ein solides Fundament stellen!
